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Yoga, Meditation und Psychische Dissoziationen


Die folgende Arbeit von Kathrin Waldow entstand 2023 im Rahmen einer Abschlussarbeit unserer 300 Stunden-Ausbildung. Kathrin ist seit vielen Jahren Yogalehrerin in unserem Team und unterrichtet mit großer Leidenschaft. Sie arbeitet hauptberuflich als Journalistin.


Yoga, Meditation und Psychische Dissoziationen


Neben einer Vielzahl von positiven Auswirkungen von Yoga und Meditation auf Körper und Geist können auf dem Yogaweg auch negative Effekte physischer wie psychischer Art auftreten. Neuere wissenschaftliche Studien beschäftigen sich mit negativen Effekten von Meditation, wie etwa Angstzuständen, Schlaflosigkeit und psychischen Dissoziationen (als Form psychischer Störung). Nach einer kurzen Einführung in die Bereiche Yoga, Meditation und psychische Dissoziation wird hier der Versuch unternommen, Meditationszustände und psychische Dissoziation einzuordnen und voneinander zu differenzieren. Denn auf den ersten Blick, liegen die Bereiche nicht weit auseinander.


Wenn es auf körperlicher Ebene zu Verletzungen kommt, führen wir das in den meisten Fällen auf eine fehlerhafte oder nicht an die persönliche Konstitution angemessene Ausführung von Asanas (Haltungen) zurück. Dabei kann es auch bei der nicht angemessenen oder fehlerhaften Ausführung von Pranayama (Atemtechniken) zu negativen Effekten für Körper und Geist kommen . Die Vermutung, dass es auch bei Meditation nicht nur zu positiven, sondern auch zu negativen Effekten kommen kann, ist nahliegend, wurde jedoch bisher von wenigen Wissenschaftler*innen untersucht.


Was ist Yoga?


Was Yoga mit dem Geist zu tun hat, kann sich aus der Übersetzung des Wortes selbst ableiten lassen. Der Wortursprung aus dem Sanskrit wird allgemein auf yuga ‚Joch‘, yuj für: ‚anjochen, zusammenbinden, anspannen, anschirren‘ zurückgeführt. Freiere Übersetzungen setzen Begriffe wie Einheit, Verbindung, Harmonie mit Yoga gleich.

Die Interpretation, dass Yoga bedeutet, den Geist anzuschirren, eine Verbindung zwischen Körper und Geist herzustellen, liegt daher nahe. Es gibt zahlreiche weitere Definitionen und Interpretationen des Begriffes.


Für diese Arbeit am sinnvollsten ist eine der grundlegendsten Einordnungen aus Patanjalis Yogasutra, einer schätzungsweise knapp 2000 Jahre alten Verssammlung, die als Grundlage der Yoga-Philosophie dient:

Yogas citta-vritti-nirodhah

Was so viel bedeutet, wie: Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des Citta (des meinenden Selbst) in eine dynamische Stille übergehen.

Das Ziel von Yoga ist, verkürzt beschrieben, über die Erforschung des Geistes, über Meditation (Dhyana) und Versenkung (Samyama), die Hindernisse (Kleshas) und Neigungen (Samskaras) und Eigenschaften (vasanas) zu überwinden, Leid (Dhukha) zu vermeiden und zu innerer Befreiung (Kaivalya) zu gelangen. Sodass am Ende der ewige Zyklus der Wiedergeburt (Samsara) durchbrochen wird. „Ziel der Yoga-Lehre im Allgemeinen und der Meditation im Besonderen ist die Reinigung des Geistes.“


Was ist Meditation?


Im Sinne der Yoga-Lehre nach Patanjali gehört Meditation (Dhyana) zum achtgliedrigen Yoga-Pfad, dem Ashtanga-Marga . Die acht Glieder sind: Yamas (Regeln im Zusammenleben mit anderen Menschen), Nyamas (Regeln des Alltagsverhaltens bzw. sich selbst gegenüber), Asana (Körperliche Praxis), Pranayama (Atemtechniken), Pratyahara (Zurückziehen der Sinne), Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation/Stilles Reflektieren), Samadhi (Vollkommene Erkenntnis).

Aus den letzten drei Gliedern entsteht Samyama (die Versenkung) .

Iyengar schreibt: „Wird der Zustand des Dhyana lange ohne Unterbrechung beibehalten, so geht er in Samadhi über, und der Sadhaka verliert seine individuelle Identität in den Gegenstand der Meditation. In Samadhi verliert der Sadhaka das Bewusstsein von seinem Körper, Atem, Denken, Intellekt und Ich. Er lebt in unendlichem Frieden.“

Zudem werden zwei Arten von Meditation beschrieben: die aktive und die passive Meditation: Aktive Meditation kann während dem alltäglichen Tun stattfinden, dabei werden alle weltlichen Pflichten in einem dauerhaften, meditativen Zustand verrichtet. Sie wird durch das Erlernen der passiven Methoden möglich , also dem stillen Meditieren, in einem stabilen und leichten Sitz (sthira sukham asanam) .

In der Meditation werden Geist (Citta), Fühlen und Denken also still. Es entstehen vollkommene Erkenntnis (Samadhi) und Versenkung (Samyama).


Doch was passiert dann genau, wenn es still wird?


Es gibt Forschungen dazu, die die Gehirnwellen während verschiedener Bewusstseinszustände, wie Schlaf, Wachheit, Meditation untersucht haben. Man kann diese Zustände anhand der unterschiedlichen Gehirnwellen einordnen und Effekte auf das Gehirn nachweisen.

Zudem werden unterschiedliche Stufen von Meditationszuständen beschrieben. Es sind fließende Übergänge von der Konzentration bis zur Einswerdung mit höherem Bewusstsein, die sich auch abwechseln können.

„In der Meditation können wir unser Bewusstsein auf alle Bereiche unseres Geistes richten (…) wir werden fähig, Abstand von unserem Denken zu gewinnen.“

Es wird beschrieben, dass dadurch Ängste, Spannungen und emotionale Verstrickungen wahrgenommen werden und wie diese durch Meditation überwunden werden können und erst dann höhere Stufen der Meditation möglich werden.

„In der Meditation werden wir fähig Abstand von unserem Denken zu gewinnen (…) Meditation (…) führt zu spirituellem Glück und Frieden. Am Ende sprengen wir die Grenzen des Geistes und werden eins mit dem höheren Bewusstsein. Das Ziel der Selbstverwirklichung ist erreicht“.


Festzuhalten ist, dass es um ein Abstandnehmen geht, dass eine Verbindung zwischen höheren Ebenen des Geistes, dem sogenannten Überbewussten, und dem uns ständig zugänglichen Bereich des Bewusstseins, dem Wachbewusstsein, entsteht. „Der Schlüssel zur Meditationstechnik liegt darin, dass man das Gehirn zu einem passiven Beobachter macht.“


Zur Beschreibung des Gefühlszustands heißt es aber auch: „Meditation ist der sichere Weg zur Beseitigung von Pessimismus, Depressionen, Spannungszuständen… Im Zustand der Meditation spürst du keinerlei Ängste mehr…Das Leben ist so voller Freude, dass keinerlei Ehrgeiz, keinerlei Rechtfertigungen, keinerlei Gründe mehr erforderlich sind.“


Auch zu Meditation gibt es nicht nur jahrtausendelange Erfahrung von Yogabübenden, sondern auch wissenschaftliche Nachweise über positive Effekte. Wie es um mögliche negative Effekte von Meditation steht, dazu liefern alte Schriften wenig Informationen. Man kann jedoch annehmen, dass sich die Grundeigenschaften (Gunas), Hindernisse und Gründe von Leid (Antarayas und Kleshas) auch als Hinweise auf die psychischen Dispositionen der Übenden beziehen und möglicherweise durch weitere Erforschung des Geistes, diese deutlicher erkennbar werden. Durch beharrliches Üben (Abhyasa) mit Gleichmut (Vairagya), soll die Überwindung dieser Hindernisse eintreten.


Meditation und Ashtanga-Yoga


Wenn man nun davon ausgeht, dass Asana-Praxis im Allgemeinen und im speziellen die Praxis des Ashtanga-Yoga, das Motiv der Konzentration bilden und es dem Übenden gelingt, sich darin vollständig danach auszurichten, kann dies als Form der bewegten Meditation gesehen werden. Insbesondere beim längeren Üben der Ashtanga-Praxis scheint dies meines Erachtens deutlich leichter zu gelingen, als in anderen Yogastilen, da die immergleiche und verinnerlichte Abfolge der Asanas sowie das Üben ohne Anleitung im Mysore-Stil oder in Eigenpraxis eine Grundlage bieten, den Geist nicht durch unerwartete Haltungen, Ansagen durch einen Lehrer, eine Lehrerin, Musik (wie es in anderen Yogastilen, wie etwa Vinyasa üblich ist) oder ähnliches, abschweifen zu lassen. Ashtanga Yoga bietet damit eine Form des eigenständigen Übens in dem es nach und nach leichter sein kann, den Geist zur Ruhe zu bringen, in den Zustand der Meditation zu gelangen.


„Without the awareness that all poses have the final liberation of the soul as their intention, the movements are just physical. The poses derive their healing benefits from their ability to access the deepest level of human consciousness“.


Was ist eine psychische Dissoziation?


Psychische Dissoziationen sind Formen von dissoziativen Störungen, das können etwa Depersonalisationsstörungen und Derealisationsstörungen sein. Es gibt weitere dissoziative Störungen (etwa dissoziative Amnesie oder dissoziative Fugue) auf die hier nicht näher eingegangen wird. Unter Depersonalisationsstörungen und Derealisationsstörungen versteht man ein anhaltendes oder wiederkehrendes Gefühl vom eigenen Körper oder Denken und/oder seiner Umgebung losgelöst, abgekoppelt zu sein. Genauere Erklärungen gibt etwa die Uni Klinik Mainz:

„Dissoziation beschreibt die Unterbrechung der normalen, ohne unser bewusstes Zutun funktionierenden Interaktion von Bewusstsein, Gedächtnis, eigener Identität und Wahrnehmung der Umwelt. Es kann zu einem teilweisen oder vollständigen Verlust eigener Gefühle und Empfindungen, Wahrnehmung der eigenen Person oder Umwelt sowie der Kontrolle von Köperbewegungen kommen.“


Bei der Depersonalisation klagen die Betroffenen über ein Gefühl von entfernt sein, von nicht richtig hier sein. Sie klagen etwa darüber, dass ihre Empfindungen, Gefühle und ihr inneres Selbstgefühl losgelöst seien, fremd, nicht ihr eigen, unangenehm verloren oder dass ihre Gefühle und Bewegungen zu jemand anderen zu gehören scheinen, oder sie haben das Gefühl in einem Schauspiel mitzuspielen.


Der Psychoanalytiker Paul Schilder definierte Depersonalisation als einen, „Zustand, in dem das Individuum sich im Vergleich mit seinem früheren Zustand durchgehend verändert fühlt. Diese Veränderung erstreckt sich sowohl auf das Ich als auch auf die Außenwelt und führt dazu, dass das Individuum sich als Persönlichkeit nicht anerkennt. Seine Handlungen erscheinen ihm automatisch. Er beobachtet als Zuschauer sein Handeln und Tun. Die Außenwelt erscheint fremd und neu und hat ihren Realitätscharakter verloren.“


Unter Depersonalisations-/Derealisationsstörung versteht man also ein anhaltendes oder immer wiederkehrendes Gefühl, vom eigenen Körper oder Denken (Depersonalisation) und/oder von der eigenen Umgebung (Derealisation) losgelöst zu sein.

Wann können Depersonalisationsstörungen und Derealisationsstörungen auftreten?

Entfremdungsgefühle können aus medizinischer Sicht dauerhaft oder temporär auftreten. Ursachen sind häufig starke Belastungen, insbesondere emotionaler Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit, körperlicher Missbrauch oder das Miterleben von körperlichem Missbrauch oder dem Erleben von lebensbedrohlichen Situationen. Sie können auch in Zusammenhang mit Drogenkonsum, Schlafmangel und extremer Müdigkeit auftreten. Wichtig dabei zu sein scheint auch der Faktor, dass die Symptome von den betroffenen Personen als quälend empfunden werden oder sie deren Lebensweise beeinträchtigen. Die Symptome verursachen fast immer großes Unbehagen. Angst und Depressionen sind häufig. Viele Betroffene haben Angst, dass die Symptome durch einen unheilbaren Hirnschaden hervorgerufen wurden. Manche fragen sich, ob sie tatsächlich existieren oder prüfen wiederholt, ob ihre Wahrnehmungen real sind. Weiter wird erläutert, dass Betroffene oft große Schwierigkeiten haben, ihre Symptome zu beschreiben, und fürchten bzw. glauben, dass sie verrückt werden. Sie sind sich jedoch immer bewusst, dass ihre Erlebnisse des Losgelöstseins nicht real sind, sondern einfach die Art und Weise, wie sie sich fühlen. Es ist dieses Bewusstsein, das Depersonalisations-/Derealisationsstörungen von psychotischen Störungen trennt. Menschen mit psychotischen Störungen fehle diese Erkenntnis, beschreibt der Autor David Spiegel auf einer medizinischen Fachseite.

Manches davon deckt sich zum Teil mit den Beschreibungen von Meditationszuständen, wie sie in der Yoga-Lehre erstrebenswert sind und erlebt werden (siehe oben z. B. Stichwort: Zum Beobachter werden, Abstand nehmen vom Ich, dem Denken und dem Außen, eins werden mit dem höheren Bewusstsein).

Doch kann man dabei einen entscheidenden Unterschied machen?


Negative Effekte bei Meditationsübungen


Hinweise auf negative Effekte von Meditation sind in alter und neuerer Yoga-Literatur rar. Wissenschaftliche Forschungen dazu ebenso. Dass es unter gewissen Bedingungen zu negativen Effekten von Meditationsübungen kommt, stellte unter anderem der Psychologe Jason Linder fest . Diese Bedingungen sind etwa psychische Vorerkrankungen, wie etwa Schizophrenie oder traumatische Erlebnisse. Meditation kann diese Vorbelastungen verschlimmern.


Das berichtet auch die Psychologie-Professorin Willoughby B. Britton (persönliches Gespräch am 4. April 2023). Sie kann als eine der wenigen Expertinnen auf diesem Gebiet gelten. Sie leitet zusammen mit Jared Lindahl an der Universität in Boston das Clinical and Affective Neuroscience Laboratory und ist Meditationstrainerin. Ihr Spezialgebiet sind negative Auswirkungen von Meditationsübungen auf die Selbstwahrnehmung wozu sie mehrere Studien veröffentlichte. In einem Bericht, der sich auf die Erforschung von negativen Effekten von buddhistischer Meditation konzentriert (Titel: ‘I have this feeling of not really being here’: Buddhist meditation and changes in sense of self.) legt sie dar, dass es für das Erlangen des höchsten Meditationszustandes zu einer Desidentifikation mit dem „me“ also dem ich, und einer Depersonalisation kommt, in der keine Bindung an eine Identifikation mit dem herkömmlichen Ich herrscht. Allerdings hält sie fest, dass diese Zustände nicht pathologisch, also nicht krankhaft sind.


Desweiteren macht sie deutlich, dass diese Zustände der Desidentifikation positive als auch negative Auswirkungen für die Praktizierenden haben können. Willoughby B. Brittons 2021 veröffentlichte Studie: „Defining and Measuring Meditation-Related Adverse Effects in Mindfulness-Based Programs“ umfasste 96 Teilnehmende, die rund acht Wochen bei drei unterschiedlichen Achtsamkeits-Meditationspraktiken begleitet wurden. Dabei gab mehr als die Hälfte (58 Prozent) der Teilnehmenden an, negative Nebeneffekte zu erleben. 37 Prozent gaben an, negative Funktionseinschränkungen festzustellen, bei mehr als sechs Prozent der Teilnehmenden seien diese Zustände länger anhaltend oder dauerhaft geblieben.

Die Studienleitenden führen diese Ergebnisse einerseits auf eine Steigerung der körperlichen Wahrnehmung und der Aktivierung der Großhirnrinde zurück, was zu vermehrten Erfahrungen von Angst, Panik und Flashbacks geführt haben kann. Außerdem gehöre ein inneres Abstandnehmen von der körperlichen Erfahrung zur Meditationspraxis, womit die Forschenden die beobachteten negativen Gefühle der Entkörperlichung, der emotionale Abstumpfung und Dissoziation in Verbindung brachten. Bekannt ist darüber hinaus aus anderen Umfragen und Studien, dass Menschen negative Erlebnisse wie Angst, Isolation, Unruhe, Leere, fehlendes Zeit- und Raumgefühl, Unsicherheit, Schlaflosigkeit, Sucht nach Meditation u.ä. in Zusammenhang mit Meditationspraktiken erleben, wie sie auch Britton in ihren Studien und dem Gespräch erläutert.


Was unterscheidet Meditation von einer psychischen Dissoziation wie Depersonalisation?


Aufgrund der dargelegten Definitionen scheinen meines Erachtens zwei Dinge maßgeblich für die Unterscheidung zu sein. Zum einen, ob es sich um einen pathologischen, also krankhaften, Zustand handelt. Und andererseits scheint die Ursache für die „Entfremdung“ entscheidend zu sein.

Deutlich scheint aber, dass es sich in manchen Meditationszuständen um Formen von Dissoziationen handelt.

Laut der Neurowissenschaftlerin Willoughby B. Britton ist die Frage nach einer Differenzierung sehr kompliziert und nicht einfach zu beantworten, da die Zustände überlappend sein können. „Die Erfahrung mag dieselbe sein, aber die Bewertung ist eine andere“, so Britton. Entfremdung und Dissoziation könnten als ähnliche Zustände gesehen werden, aber durch die Komplexität beider Zustände nicht als dasselbe gelten. In der Bezeichnung müsse man daher genau sein.


Zudem beinhalte Meditation verschiedene Zustände (s.o. Was ist Meditation?). Man könne auch sagen, dass laut dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM - Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen ) keine psychische Störung vorliege, wenn eine Dissoziation durch willentliche Meditation hervorgerufen werde, sagt Britton. Doch das DSM beschreibe auch, dass der Zustand zu einer Störung werde, wenn man die Kontrolle darüber verliere und Ängste auftreten. „Es geht da ein bisschen hin und her, ob das eine Störung ist, oder nicht“, sagt sie. Vielmehr gehe es nicht unbedingt um das Auftreten des Phänomens, sondern um die persönliche Intention und die individuellen Gefühlszustände, die damit verbunden sind.


„Es gibt Kulturen, Religionen und Orientierungen, die das Ablösen vom eigenen Ich sehr schätzen. Das ist eine Richtung. Aber es gibt auch die Richtung, dass manche Zustände in Meditation, wie Dissoziationen klingen, aber tatsächlich anders sind. Und ich glaube, es gibt beides, weil es so viele verschiedene Praktiken gibt“, sagt sie.

In einer ihrer Studien zitiert sie eine Einschätzung aus psychologischen Fachkreisen:


„Voluntarily induced experiences of depersonalization/derealization can be a part of meditative practices that are prevalent in many religions and cultures and should not be diagnosed as a disorder. However, there are individuals who initially induce these states intentionally but over time lose control over them and may develop a fear and aversion for related practices (American Psychiatric Association [APA], 2013, § 300.6, p. 304).“

Und schlussfolgert, dass Schlüsselkriterien für die Einschätzung des Zustands als krankhaft, die Dauer des Zustands, Kontrollverlust und Not sein können.

Außerdem gebe es verschiedene Zustände von einer Loslösung vom Ich, „entweder ich bin nichts oder ich bin alles, was einen riesigen Unterschied macht, das eine ist wie die Hölle, das andere wie der Himmel“, erklärt Britton. Dabei sei es wichtig, selbstzerstörerischen Gedanken und Gefühlen genauso zu begegnen wie möglicher Selbstüberschätzung. In machen Fällen, so stellt Britton in Studien fest, kam es zu Momenten, die durch Meditation hervorgerufen wurden, in denen eine medizinische oder therapeutische Intervention nötig wurde. Und das sei ein Punkt, der häufig übersehen werde.


In unserem Gespräch hält sie fest, dass es wichtig sei, zu wissen, warum man meditiere: „Ich habe bisher mit rund 3000 Menschen darüber gesprochen und nur eine einzige Person, hat auf die Frage geantwortet, dass sie sich davon Erleuchtung verspricht“. Daher halte sie Meditation nicht für alle gleichermaßen angemessen. Zudem betonte sie vor allem bei psychischen Schwierigkeiten, die Wichtigkeit eines erfahrenen Meditationslehrers. Außerdem sollten Praktizierende sich aufgrund ihres Ziels eine geeignete Meditation suchen.

„Wenn mein Ziel oder Wunsch mehr Kontakt und ein besserer Umgang mit Mitmenschen ist, weil ich mich vielleicht isoliert fühle, macht es wenig Sinn sich eine halbe Stunde alleine hinzusetzen und seinem Atem zu lauschen. Dann sollte man vielleicht in eine Bar gehen, oder im Alltag mehr Augenkontakt mit anderen suchen, oder andere Möglichkeiten des Austauschs finden“, sagt Britton.


Abschließend berichtet sie: Als sie 2017 Studienergebnisse vorstellte, habe sich eine Frau aus dem Publikum gemeldet und erzählt, dass sie durch die Meditationspraxis den Zugang zu ihren Gefühlen verloren habe. Sie habe versucht, sich ihre Kinder vorzustellen und die Liebe zu ihnen, die sie aus früheren Zeiten kannte. Aber es sei ihr nicht mehr möglich gewesen. Und es sei für sie die Hölle gewesen so zu leben. Daraufhin habe sich ein buddhistischer Schüler gemeldet und gesagt: Das sei genau das Ziel der Praxis, die Überwindung von allem. „Aber das war es nicht, was diese Frau wollte“, sagt Britton.


In diesem Sinne scheint mir schließlich wichtig zu betonen, woher die Tradition des Yoga und des Meditierens kommt, dass Jahrtausende alte Erfahrung darin stecken und in alten Schriften erläutert wird, dass Yogis mit dem Ziel der Erleuchtung, sich vollständig diesem Ziel widmen. Dass sie sich traditionellerweise abgesondert von der Gesellschaft, unter der Führung eines Lehrers diesem Ziel widmeten, dass es einer intensiven Auseinandersetzung mit den Inhalten der Philosophie des Yoga, der Beachtung der Regeln und des Studiums der alten Texte bedarf. Das scheint in heutigen Kontexten, wo Yoga und Meditation en vogue sind und durch Apps, Videos und zahlreiche Studios fast überall verfügbar sind, manchmal in Vergessenheit zu geraten. Brittons Aussage, man solle sich immer wieder fragen, was das Ziel sei, scheint so banal wie entscheidend zu sein.

Wie bei der Asana-Praxis scheint es auch in der Meditation von enormer Bedeutung zu sein, nicht leichtfertig mit dem Wissen, den Werkzeugen und den Möglichkeiten umzugehen, sondern angemessen an die eigene Persönlichkeit, Tagesform, die eigenen Möglichkeiten und Ziele zu praktizieren und wenn schwerwiegende Probleme auftauchen den Austausch zu suchen und gegebenenfalls medizinischen Rat aufzusuchen.


Persönlich halte ich die Forschungen von Britton und anderen Wissenschaftler*innen in diesem Bereich für sehr wichtig, da sie helfen können auf Schwierigkeiten und Gefahren auf geistiger Ebene aufmerksam zu machen und den wissenschaftlichen Blick auf die Yoga-Philosophie erweitern.



Literatur


• B. K. S. Iyengar, Licht auf Yoga, Hamburg, 2017

• B. K. S. Iyengar, Licht auf Pranayama, München, 2012

• Eddie Stern, One Simple Thing, New York, 2020

• Kino MacGregor , The Power of Ashtanga Yoga, Colorado, 2013

• Ralph Skuban, Patanjalis Yogasutra, München, 2011

• R. Sriram - Patanjali, Das Yogasutra, Bielefeld, 2006

• Swami Satyananda Saraswati: Meditationen aus den Tantras, Tettnang, 2021

• Swami Svatmarama, Hatha-Yoga Pradipika: Die Leuchte des Hatha Yoga, Hamburg, 2009



Internetquellen


• https://www.unimedizin-mainz.de/psychosomatik/patienten/psychosomatische-erkrankungen/depersonalisation.html abgerufen am 24. März 2023

• https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/negative-effekte-von-mindfulness-uebungen.html abgerufen am 24. März 2023

• https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/2167702621996340 abgerufen am 24. März 2023

• https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/psychische-gesundheitsst%C3%B6rungen/dissoziative-st%C3%B6rungen/depersonalisations-derealisationsst%C3%B6rung abgerufen am 25. März 2023

• Lindahl J. R., Britton W. B. (2019). ‘I have this feeling of not really being here’: Buddhist meditation and changes in sense of self. Journal of Consciousness Studies, 26(7–8), 157–183. https://www.imprint.co.uk/wp-content/uploads/2021/03/Lindahl_Open_Access.pdf

• https://www.psychologytoday.com/intl/blog/mindfulness-insights/202107/the-potential-dangers-mindfulness

• https://www.yoga-welten.de/yoga-forschung/meditation-negative-erfahrungen.htm#die-studie-von-shapiro-und-kutz-aus-dem-jahre-1992

• Progress or Pathology? Differential Diagnosis and Intervention Criteria for Meditation-Related Challenges: Perspectives From Buddhist Meditation Teachers and Practitioners: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2020.01905/full?utm_source=F-NTF&utm_medium=EMLX&utm_campaign=PRD_FEOPS_20170000_ARTICLE&fbclid=IwAR11U-buEPOplLZXPrFNv6M1EIg03R3NClQO7uG17HeISV7pQMMQYdslllE



Weiterführende Links: https://sites.brown.edu/britton/publications





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